Chronik der Patienten-Initiative
10. Januar 1984
Die Schlagzeile "Chefarzt operierte uns zu Krüppeln" in der Hamburger Morgenpost löst den Skandal um den Orthopäden Pof. Dr. Dr. Dr. Rupprecht Bernbeck aus. Mehr als 200 geschädigte Bernbeck-PatientInnen melden sich innerhalb weniger Wochen, die Patienten-Initiative wird gegründet, eine unabhängige Aufklärung, unbürokratische Schadensregulierung sowie eine unabhängige PatientInnen - Beschwerdestelle werden gefordert.
Die Patienten-Initiative berät in monatlichen Veranstaltungen Betroffene, wertet die Erfahrungen aus und informiert die Presse.
September 1984
Die so genannte "unabhängige Kommission" der Gesundheitsbehörde entlastet Bernbeck in ihrem Gutachten. Nachdem nachgewiesen wird, dass die Sachverständigen schlampig und in falsch verstandener "Kollegialität" gearbeitet haben, zieht die Gesundheitsbehörde ihr Gutachten zurück. Rechtsanwalt Wilhelm Funke übernimmt die Vertretung zahlreicher Geschädigter und zusammen mit ihm, dem Morgenpost Reporter Gerd-Peter Hohaus und einigen Abgeordneten der Hamburger Bürgerschaft arbeitet die Patienten-Initiative in mühsamer Arbeit gegen die Vertuschung an.
Oktober 1985
Der Bericht des PUA wird veröffentlicht, konkrete daraus abgeleitete Erkenntnisse und Beschlüsse: Einrichtung einer unabhängigen Patientenberatungsstelle, wirksame
Qualitätskontrollen ärztlicher Tätigkeit, Abbau hierarchischer Strukturen in Krankenhäusern, Änderung der ärztlichen Berufsordnung - werden nur zum Teil umgesetzt und wirken heute in der Rückschau immer noch innovativ und notwendig!
September 1986
Die seit vier Jahren ehrenamtlich tätige Patienten-Initiative gründet einen Verein und beansprucht die Trägerschaft für die vom Ausschuss und der Bürgerschaft gewünschte Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten.
Oktober 1987
Die Gesundheitsbehörde hat andere Pläne: Sie will die Beratungsstelle bei der Verbraucherzentrale anbinden. Patienten-Initiative, Bürger und Medien protestieren; erfolgreich: Der Patienten-Initiative werden 4 ABM-Stellen und Zuwendungen der Stadt bewilligt. Die Verbraucherzentrale startet ihre Patientenberatung mit ähnlichen Ressourcen.
Zivilrechtlich sind fast alle Bernbeck-Verfahren abgeschlossen: von den rund 270 Ansprüchen sind ca 170 (66 %) zugunsten der PatientInnen entschieden worden. Rund 28 Millionen DM hat die Stadt und die Allianz als Haftpflichtversicherer Bernbecks gezahlt.
Im Strafverfahren gegen Prof. Bernbeck: DM 7 000,- Geldstrafe . . .
Januar 1988
Die Patienten-Initiative mietet einen ehemaligen Laden im Stadtteil Winterhude an und setzt dort bezahlt ihre ganzheitliche Beratungs- und Betreuungsarbeit fort. Vier MitarbeiterInnen entwickeln Standards für die Unterstützung von Ratsuchenden rund um das Thema Gesundheit und Patientenrechte.
Mitte 1988
Die Gesundheitsbehörde lässt die Arbeit der Patienten-Initiative und Verbraucherzentrale evaluieren. Beide Institutionen müssen sich mit der Konkurrenzsituation auseinandersetzen.
Juli 1989
Das Gutachten bescheinigt beiden Einrichtungen gute Qualität und kommt zu dem Schluss, dass hohe Fallzahlen und beträchtliche Arbeitsüberlastung einen höheren Beratungsbedarf signalisieren als Patienten-Initiative und Verbraucherzentrale zusammen bewältigen können. Der konzeptionell ganzheitliche Arbeitsansatz der Patienten-Initiative wird als Ergänzung zur Arbeit der Verbraucherzentrale geschätzt.
1989 - 1993
Die Patienten-Initiative kann sich auf die inhaltliche Arbeit konzentrieren und versucht ein Gleichgewicht zwischen den beiden Säulen der Patienteninteressenvertretung zu finden: individuelle Hilfe und Begleitung von Patienten und Vertretung ihrer Belange gegenüber den verantwortlichen Akteuren. Die Patienten-Initiative begleitet Schlichtungsverfahren, informiert bei dem Verdacht von Fehlerhäufungen die Ärztekammer, schaltet Behörden ein, unterrichtet Medien und fordert die Politik auf, für Patienteninteressen einzutreten.
Juni 1993
"Tödliche Strahlen im UKE"; wieder eine Schlagzeile der Hamburger Morgenpost und wieder von Gerd-Peter Hohaus bringt den zweiten großen Medizinskandal ins Rollen- im UKE haben der Chef der Radiologie Prof. Dr. Dr. Klaus-Henning Hübener sowie Prof. Frischbier Krebskranken über mehrere Jahre überhöhte Strahlendosen verabreicht. Wieder sind Hunderte PatientInnen betroffen, rund 320 Ansprüche werden gestellt.
Gerd-Peter Hohaus erhält für seine couragierte Berichterstattung den Wächterpreis der deutschen Tagespresse.
Die Patienten-Initiative unterstützt die Betroffenen und kann entscheidend dazu beitragen, dass die Behörde diesmal schneller handelt und die Patientinnen und Patienten rechtliche Beratung in Anspruch nehmen können.
Mitte bis Ende 1994
Der Senat will eine Fusion der Patienten-Initiative unter dem Dach der Patientenberatung bei der Verbraucherzentrale erzwingen.
In öffentlichen Protesten unterstützen Bevölkerung, GAL, CDU und AOK die Forderung der Patienten-Initiative nach einer eigenständigen Beratungsstelle, die von der Verbraucherzentrale nicht unterstützt und von der SPD abgelehnt wird. Die Mitglieder der Patienten-Initiative stimmen der Fusion nicht zu, um das eigene Profil nicht zu verlieren. Die Behörde streicht daraufhin die Zuwendungen.
30. April 1995
Die Beratungsstelle der Patienten-Initiative kann nicht gerettet werden und muss schließen. Die Arbeit wird ehrenamtlich fortgesetzt.
1995
Die Mitgliederversammlung findet bei der AOK statt, denn die Patienten-Initiative hat kein eigenes Büro mehr. Die Beratung findet weiter telefonisch und persönlich an verschiedenen Orten statt.
1996
Die Patienten-Initiative ist wieder da. Am 29. Mai 1996 wird in der Preystraße in Winterhude, zusammen mit dem Info-Winterhude wieder eine Geschäftsstelle eröffnet. Zweimal in der Woche werden wieder telefonische Sprechzeiten angeboten, persönliche Beratung ist möglich.
Durch eine Förderung über das Schwerbehindertengesetz können zwei hauptamtliche MitarbeiterInnen für die Beratung eingestellt werden.
1997
Die Beratung bekommt ein neues Schwerpunktthema: Beschwerden über ambulante und stationäre Pflege werden den Einrichtungen zurück gemeldet, Angehörige und Pflegebedürftige bei der Klärung unterstützt.
Mit Hilfe von kurzfristigen Projekten und Unterstützung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, dessen Mitglied die Patienten-Initiative ab dem 1.4.1997 ist, werden bis zum Herbst die fehlenden Lohnkosten finanziert, können aber nicht dauerhaft abgesichert werden, so dass ein Mitarbeiter entlassen werden muss.
Gleichzeitig werden in der Beratung 987 Erstkontakte und mindestens 1500 Folgekontakte dokumentiert.
1998
Aus der Zusammenarbeit mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband entsteht das Projekt "Pflegelotse", die Patienten-Initiative bietet Beratung für pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige an.
1999
Die Patienten-Initiative nutzt das 15jährige Bestehen für umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit.
Ein Konzept zur Patientenberatung im Krankenhaus wird entwickelt und das Projekt [PI(K)] "Patienteninitiative im Krankenhaus" im AK St. Georg gestartet, mit finanzieller Unterstützung des Krankenhauses und einer Anschubfinanzierung der AOK Hamburg.
Das Projekt "Pflegelotse" läuft aus.
2000
Das Projekt [PI(K)] Patienteninitiative im Krankenhaus wird weiter entwickelt, das Klinikum Nord, Betriebsteil Heidberg steigt in das Projekt ein, das AK St. Georg verlängert den Vertrag um ein Jahr. Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer besucht das bundesweit erste Vorhaben dieser Art im AK St. Georg.
Die Patienten-Initiative bezieht zusammen mit dem Info - Winterhude Räume im goldbekHof.
Der Verein erhält nach einer Ausschreibung der Sozialbehörde den Zuschlag im "Impulsprogramm Pflege" für ein zweijähriges Projekt, dass die Beschwerdemöglichkeiten von BewohnerInnen in stationärer Altenhilfe stärken soll.
Am 26. September stirbt unerwartet der Rechtsanwalt Wilhelm Funke, der die Patienten-Initiative seit 1984 unterstützt und sich für die Rechte geschädigter PatientInnen eingesetzt hat.
2001
Die [PI(K)] etabliert sich weiter im AK Nord, AK St. Georg und im Dezember kommt das AK Harburg hinzu. Die von [PI(K)] und LBK erarbeitete Broschüre "Einfach Ihre Entscheidung: Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung und Patientenverfügung" wird gut angenommen.
Die Beratung der Patienten-Initiative wird weiterhin ohne finanzielle Zuwendung geleistet, rund 600 Menschen kontaktieren die Beratungsstelle.
2002
Die Sprechzeiten in der Beratungsstelle der Patienten-Initiative können ohne Zuwendungen nicht weiter aufrecht erhalten werden. Gleichzeitig registriert der AB ca. 120 Anrufende im Monat, wovon die Hälfte um Rückruf bittet.
[PI(K)] weiterhin im AK St. Georg, AK Nord, AK Harburg, ergänzt das Angebot der festen Bürosprechzeiten durch ein Konzept der aufsuchenden Arbeit direkt auf den Stationen.
Schwerpunkte bei den Beratungsanliegen sind die Bereiche Kommunikation, Entlassungsmanagement, Wartezeiten, Verdacht auf Behandlungsfehler.
In den Häusern Nord und Harburg werden mit großem Erfolg und in Kooperation mit der BKK Nord Kurse zum Erlernen der Selbstuntersuchung der Brust durchgeführt.
2003
Die Beratungsstelle der Patienten-Initiative kann mit ehrenamtlicher Mitarbeit einer Juristin eine einmal wöchentlich stattfindende Sprechzeit anbieten.
In einem einjährigen Projekt stellt die Patienten-Initiative die fachliche Begleitung ehrenamtlicher Vertrauensleute für Beschwerden in Alteneinrichtungen.
Die [PI(K)] im AK Nord wird erweitert um den Betriebsteil Ochsenzoll mit 600 PatientInnen der Psychiatrie.
Neben der Beratung sind weitere Schwerpunkte der Arbeit in den Krankenhäusern Informationsveranstaltungen und der Kontakt zu Selbsthilfegruppen.
2004
Unter anderem durch einen Kooperationsvertrag mit der BKK Landesverband Nord konnte die ehrenamtlich engagierte Juristin für die Beratung der Patienten-Initiative in Teilzeit eingestellt werden.
Die Arbeit der [PI(K)] im AK St. Georg und AK Nord verliert Stunden und muss die Einsatzzeiten reduzieren. Regelmäßige Kontakte zum Pflegedirektorium, zum internen Beschwerdemanagement und Qualitätsmanagement werden intensiviert.
Die [PI(K)] im AK Harburg arbeitet mit der neu eröffneten Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie zusammen.
Die Patienten-Initiative leitet Fortbildungen in Form von Kursen, Vorträgen und Veranstaltungen.
In der Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen (BAGP) arbeitet die Patienten-Initiative aktiv mit.
Gustav Peter Wöhler gibt im Polittbüro ein Benefizkonzert für die Patienten-Initiative: "Rocken, Schwitzen, Gutes tun!"
2005
Der Kooperationsvertrag mit dem BKK Landesverband Nord wird verlängert und die Beratungsarbeit somit weiter gewährleistet.
Mit Hilfe der ARD-Fernsehlotterie startet das Patiententelefon. Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen bieten darüber PatientInnen Beratung und Begleitung zu Arzt- oder Gutachterterminen an.
Die Stadt verkauft ihre Krankenhäuser. Der LBK - Landesbetrieb Krankenhäuser heißt nun Asklepios Kliniken Hamburg GmbH.
In den Kliniken St. Georg und Nord arbeitet die [PI(K)] aufgrund von Kürzungen mit reduziertem Stundenkontingent. [PI(K)] Harburg ist regelmäßig präsent im Patientencafé der Psychiatrie und wird verstärkt genutzt.
Die Patienten-Initiative bekommt ein neues Logo, entworfen und gespendet von der Firma Bethmann Design. Das Logo wird beim Patent- und Markenamt eingetragen und auch die Schreibweise des Namens wird geändert (Patienten-Initiative - gut beraten).
2006
Die Asklepios Klinik St. Georg kündigt die Zusammenarbeit mit der [PI(K)]. Nach intensiven Verhandlungen kann die Patienten-Initiative erreichen, dass [PI(K)] für alle 6 Asklepios Kliniken zuständig ist und die Büros in Harburg und Nord erhalten bleiben.
Im Juli wird die Patienten-Initiative Mitglied im Aktionsbündnis Patientensicherheit.
Nach langen Verhandlungen übernimmt die Patienten-Initiative im Herbst die Trägerschaft für die regionale Beratungsstelle im Verbund Unabhängige Patientenberatung Deutschland GmbH - UPD, ein von den Spitzenverbänden der Gesetzlichen Krankenkassen gefördertes Modellprojekt, in Kooperation mit der Verbraucherzentrale Hamburg e.V.
Die Beratungsstelle der Patienten-Initiative bleibt an vier Tagen mit überwiegend ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen geöffnet.
Februar 2007
Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland UPD, Beratungsstelle Hamburg bezieht Räume auf dem Alsterdorfer Markt.
Die Beratungsarbeit der Patienten-Initiative konzentriert sich verstärkt auf die Themen "vermutete Behandlungsfehler" und "Beschwerden über Ärzte und Krankenhäuser".
Obwohl die Finanzierung des Projektes Einsatz von Freiwilligen in der Beratung ausläuft, kann die Beratung weiterhin mit drei Ehrenamtlichen fortgeführt werden.
Ab August bietet die Patienten-Initiative eine Online-Beratung an.
März 2007
Die neue Website geht ins Netz. Design: Firma Bethmann.
August 2007
Kerstin Hagemann (Vorstand) wird in das Kuratorium der EQS (Externe Qualitätssicherung Hamburg) berufen, Gabriele Simmermacher (Vorstand) in das EQS-Fachseminar Viszeral-u. Gefäßchirurgie.
Kerstin Hagemann wird in das Ethik-Komitee der Asklepios Klinik Barmbek berufen.
Die [PI(K)] ist seit August auch im Asklepios Westklinikum Rissen tätig.
2008
Am 9. Januar war Kerstin Hagemann zum traditionellen Neujahrsempfang des Bundespräsidenten Horst Köhler in das Schloss Bellevue in Berlin eingeladen, mit dem verdiente Bürgerinnen und Bürger ausgezeichnet werden.
Im Februar war mit der ersten Sprechstunde der Auftakt für die Beratung für ältere türkische Migrantinnen und Migranten. Gefördert wird dieses Projekt im Seniorentreff Altona vom Hamburger Spendenparlament.
Die Sprechstunden im goldbekHof werden seit Februar dank der Zuwendung der Dr. Annemarie Walter Stiftung wieder mit einer hauptamtlichen Beraterin geleistet. So können wir verlässlich gerade die Menschen begleiten, die keine Mittel haben, um kostenpflichtige Beratung in Anspruch zu nehmen.
Ein lautstarker Auftakt für die Jubiläumsaktivitäten: "Trude träumt von Afrika" und "Sticks & Stöckl" geben am 21. November ein ausverkauftes Benefizkonzert im goldbekHaus. Moderiert von Detlef Wutschek hatten alle Besucherinnen und Besucher einen vergnüglichen Abend.
Januar 2009
Am 9. Januar feiert die Patienten-Initiative ihren 25-jährigen Geburtstag im goldbekHaus.
April 2009
Am 22.4. findet die Podiumsdiskussion zum Thema "Patientenrechte - alles im Lot?" statt.
23. April 2009: Besuch des Ersten Bürgermeisters Ole von Beust in der PI.
September 2009
Am 15. September feiert die [PI(K)] vor dem ehemaligen Büro in der Asklepios Klinik St. Georg ihr 10jähriges Jubiläum.