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Dürfen Ärzte ihrem Bauchgefühl trauen?

Dr. Gaissmmaier und Kerstin Hagemann Eine spannende Frage in der modernen Medizin, die sich zunehmend auf Technik und anerkannte Leitlinien stützt. Wir haben in Kooperation mit der TK Landesvertretung Hamburg Dr. Wolfgang Gaissmaier vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung eingeladen, seine Erkenntnisse zu diesem Thema vorzustellen. Rund 40 Gäste nahmen teil und folgten einem spannenden Vortrag und einer lebhaften Diskussion, fachkundig moderiert von Dr. Jens Braak.
Worum ging es?

Entscheidungen aus dem Bauch heraus sind solche, die rasch getroffen werden ohne dass die Person sagen könnte, wie sie zu dieser Entscheidung gekommen ist. Trotzdem und entgegen ihrem schlechtem Ruf - so etwas machen vor allem Frauen (was im Übrigen gar nicht stimmt) - sind es oftmals die besseren Entscheidungen, wie Dr. Gaissmaier anhand von Studienergebnisseen darstellte. Das gilt selbst im medizinischen Bereich.

Anstatt viele Informationen abzufragen, einzuholen und miteinander ins Verhältnis zu setzen, um dann zu einer fundierten Entscheidung zu kommen, erweisen sich im Nachhinein diejenigen als die besseren Entscheidungen, in denen Informationen ignoriert werden.

Intuitive Entscheidungen beruhen auf Heuristiken. Das ist laut Wikipedia die Kunst, mit begrenztem Wissen und wenig Zeit zu guten Lösungen zu kommen. Wenn solche Faustregeln von Experten (mit großem Wissen und viel Information) erkannt und weiterentwickelt werden, trägt das zu besseren medizinische Entscheidungen bei. Als Beispiel nannte Dr. Gaissmaier Checklisten für Notfallbehandlungen, die den Ärzten helfen, die richtigen Maßnahmen zu treffen und weniger Wichtiges außer Acht zu lassen.

Im zweiten Teil seines Vortrags stellte Herr D. Gaissmaier einige Tricks vor, mit denen die Ergebnisse von Studien oft so dargestellt werden, dass Patienten und auch Ärzte von dieser oder jener Maßnahme überzeugt werden sollen. Beliebt ist dabei die Verwendung relativer Größen statt absoluter Zahlen. So kommt eine Studie zu dem Ergebnis, dass bei der Einnahme einer bestimmten Anti-Baby-Pille ein doppelt so hohes Risiko besteht, eine Embolie zu erleiden, wie bei einem anderen Präparat. Das klingt alarmierend. Im Klartext heißt diese Verdopplung jedoch, dass von 7000 Frauen nicht eine sondern zwei von einer Embolie betroffen sind.

Bei Krebsdiagnosen werden häufig 5-Jahres-Überlebensraten angegeben. Aber wann beginnt dieser Zeitraum? Die Überlebensrate erhöht sich durch eine Reihenuntersuchung zur Krebsfrüherkennung in der relativen Darstellung wohlmöglich von 0 auf 100, weil die Diagnosestellung 5 Jahre früher beginnt, am Ende sind jedoch genauso viele Menschen an Krebs gestorben wie ohne die Früherkennung. Der Krebs wurde früher entdeckt, die Zeit des Wissens, erkrankt zu sein, verlängert sich. Die Überlebenszeit jedoch überhaupt nicht!
Selbst Ärzte und medizinisch geschultes Personal lassen sich durch die tendenziöse Darstellung der Ergebnisse in die Irre führen. In der Diskussion wurde gefordert, dass in der Aus- und Weiterbildung statistisches Denken geübt werden muss und auch in der Schulung und Beratung von Patienten sollte Wissen vermittelt werden. Das ist eine wichtige Grundlage für klare und neutrale Informationen, die Patienten benötigen, um ihre Entscheidungen kompetent treffen zu können.

Buchtipps zum Thema:
Gerd Gigerenzer "Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition", Goldmann Taschenbuch, € 8,90

Jens Braak: Zufallstreffer - Vom erfolgreichen Umgang mit dem Unplanbaren, Orell Füssli Verlag AG, 2011

Foto: michaela-kaiser.de

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Moderne Medizin braucht Evidenz und Intuition
Vortrag Dr. Gaissmaier
Donnerstag, 22.9.2011
Ausschnitt aus dem Einladungs-Flyer
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